lateinamerikanische Musik


lateinamerikanische Musik
lateinamerikanische Musik,
 
Sammelbezeichnung für die Musik jener Weltregion, die die Staaten Mittel- und Südamerikas sowie die karibische Inselwelt umschließt. Es ist dies ein Gebiet, dessen Kultur und Sprache maßgeblich durch Einflüsse von der Iberischen Halbinsel Europas, also aus Spanien und Portugal, geprägt wurden. Die Kolonisation durch die Europäer, die mit der Entdeckung der heutigen Bahamas 1492 durch Kolumbus ihren Anfang nahm, hat über alle ethnischen und kulturellen, politischen und ökonomischen Unterschiede hinweg zu Gemeinsamkeiten dieser Länder mit Folgen bis in die Gegenwart hinein geführt, die dazu berechtigen, sie als Einheit zu behandeln. Auch die Musikkulturen dieser Region weisen als Resultat der rund vierhundertjährigen Kolonialherrschaft der Spanier und Portugiesen viele Gemeinsamkeiten auf, die dem mit der Kolonialgeschichte verbundenen, einmal dominanten Einfluss der europäischen Kultur geschuldet sind. Die Musik der Ureinwohner Lateinamerikas, der Indios, hat sich dagegen in ihrer ursprünglichen Gestalt nur noch in fragmentarischen Resten in einigen Teilen der Urwälder Südamerikas erhalten; die Musikkultur der Azteken, Inkas und Kariben ist völlig untergegangen oder in den Mischformen der Musik der Mestizen, der Mischlinge aus Indios und Weißen, aufgegangen. Seine Ursache hat das nicht nur in der rücksichtslosen Unterdrückung der Indios, sondern letztlich in ihrer faktischen Ausrottung durch die Kolonisatoren. Im Prozess ihrer Versklavung hat ein so hoher Prozentsatz von ihnen den Tod gefunden, dass sich heute nur noch in einigen Teilen Südamerikas Nachfahren der Ureinwohner Lateinamerikas finden. An ihre Stelle traten Sklaven aus Afrika in großer Zahl, sodass die afrikanischen Einflüsse zusammen mit den europäischen die Musik Lateinamerikas viel nachhaltiger geprägt haben.
 
Trotz einer gemeinsamen Geschichte und darauf gegründeter entwicklungsbedingter Gemeinsamkeiten haben die Kolonialgeschichte und die Besiedelungspolitik der Kolonialmächte aber auch zu Unterschieden infolge der jeweils dominant gewordenen Einflüsse geführt, die die lateinamerikanische Musik regional differenzieren. So ist es auf den Karibischen Inseln, den ehemaligen zentralen Sklavenmärkten für den Umschlag der hauptsächlich aus Westafrika stammenden Sklaven, sowie besonders in den Küstenbereichen Brasiliens, Kolumbiens, Venezuelas und Guatemalas zu einer stark von afrikanischen Elementen geprägten Musikentwicklung gekommen. In Argentinien, Uruguay und großen Teilen Brasiliens setzte sich die europäische Musik spanischer und portugiesischer Herkunft durch, während im mittelamerikanischen Raum die Mestizen eine eigenständige Musikkultur hervorbrachten, die von den überlieferten Resten der Musik der Indios wie von spanischen Einflüssen gespeist wurde. Eine Mischform stellen auch die Entwicklungen in Bolivien, Peru, Chile, Ekuador und Nordargentinien dar, das Gebiet der Andenfolklore, mit Musikformen, die in der rauen Gebirgswelt der Anden weitgehend unberührt blieben. Aber auch über derartige regionale Unterschiede hinaus sind in Lateinamerika auf der Basis der spanischen, portugiesischen und afrikanischen Fremdeinflüsse sowie der Reste der Indio-Kultur vielfältig differenzierte und ungeheuer formenreiche Musikkulturen entstanden, die sich trotz ihrer Gemeinsamkeiten in den Ursprüngen einer pauschalen Kennzeichnung entziehen, was mit dem Begriff »lateinamerikanische Musik« eher verdeckt ist. Er geht dann auch vielmehr auf die zumeist recht willkürlichen und stark europäisierten kommerziellen Importe von Einzelelementen aus der Musik dieser Region nach Europa und später den USA zurück.
 
Gemeinsam ist allen Formen lateinamerikanischer Musik ihre Geschichte, die mit der Unterdrückung der Kultur der Indios durch die spanischen und portugiesischen Kolonisatoren und dem von den Missionaren noch forcierten Durchsetzungsprozess der europäischen Kultur begann. Ursprünglich europäische Tanzformen wie die Tarantella, die Pavane, die Galliarde, die Chaconne, das Menuett, die Gigue, die Contradanza, die Mazurka, die Quadrille, der Fandango — die Modetänze der spanischen Aristokratie, teils höfischen, teils folkloristischen Ursprungs —, später auch die über deutsche und österreichische Einwandererfamilien in die Region gelangten Polka und der Walzer fanden in Lateinamerika ihre Entsprechungen, wurden von den Indios und afrikanischen Sklaven auf das einheimische Instrumentarium übertragen und an ihre eigenen musikalischen Traditionen angepasst. So entstanden etwa die lateinamerikanischen Tanztypen Mangulia, Pavana, Somprerita, Juba, Cedena, Tumba, Mason, Yuka, Maxixe und Pasillo. In Regionen mit großem afrikanischem Bevölkerungsanteil bildeten sich europäisch-afrikanische Mischformen, überlebten selbst Rhythmen afrikanischer Herkunft in fast ursprünglicher Gestalt und erlangten über Samba, Calypso oder Rumba später weltweite Bedeutung. Die rituellen Musikformen wie die kultischen Gesänge und Tänze der Indios und Afrikaner verschmolzen mit den Hymnen und Chorälen des katholischen Christentums. Die so entstandenen Mischformen begannen in Lateinamerika dann, ihr eigenes Leben zu führen. All das aber vollzog sich unter dem politischen Druck der Kolonisatoren und stellte einen gewaltsam erzwungenen Anpassungsprozess dar, der im Schatten der herrschenden Kultur der Europäer stattfand. Erst die Unabhängigkeitsbewegungen im frühen 19. Jahrhundert führten diese Entwicklung aus ihrem gesellschaftlichen Schattendasein und ihrer lokalen Isoliertheit heraus, wurde sie jetzt doch ein Moment der umfassenden Suche nach nationaler Identität, die mit der Befreiungsbewegung Lateinamerikas einsetzte. Auch in den folgenden sozialen Auseinandersetzungen innerhalb der sich herausbildenden Nationalstaaten spielte die Musik als Ausdruck der sozialen Realitäten, als Mittel der politischen Artikulation der Volksmassen, eine zentrale Rolle. Noch heute gibt es etwa mit dem Rasta-Kult auf Jamaika und dem mit ihm verbundenen Reggae Folgeerscheinungen aus dieser engen Verbindung der lateinamerikanischen Musik mit dem politisch-sozialen Widerstand der als Sklaven oder in feudaler Abhängigkeit gehaltenen Afrikaner und Indios.
 
Erstmals hatte damit die lateinamerikanische Musik vor dem Hintergrund der politischen Bewegungen des frühen 19. Jahrhunderts die Fesseln der europäischen Kultur abgestreift. Doch die mit der Herausbildung von Nationalstaaten an die Stelle der Kolonialmächte Spanien und Portugal tretende Handels- und Kapitalexpansion Frankreichs, Englands und der USA hatte ab Mitte des 19. Jahrhunderts erneut einen starken Prozess der Europäisierung zur Folge, getragen von den verbliebenen aristokratischen Oberschichten und der neuen einheimischen Handelsbourgeoisie. Jetzt waren es die europäische Tanz- und Unterhaltungsmusik und der nordamerikanische Jazz, unter deren Einfluss sich nun analog eigenständige Genres der populären Musik herausbildeten, die wie der argentinische Tango, der Samba in Brasilien, der Calypso auf Trinidad und die kubanische Rumba im Verlauf des 20. Jahrhunderts als Tanzmusik dann wiederum in Europa und den USA Furore machten. Sie wurden hier freilich in einer Form adaptiert, die mit der Originalgestalt nur sehr wenig zu tun hatte, eine vergröbernde Übernahme der Grundrhythmen und einiger Instrumentationseigenheiten darstellte. Die lateinamerikanische Musik selbst versank wieder in der Isolation.
 
Erst die politischen Emanzipationsbewegungen der Völker Lateinamerikas in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, insbesondere die politischen Liedbewegungen der Nueva Trova in Kuba, der Corridos in Mexiko und der Nueva Cancione in Chile führten die lateinamerikanische Musik endgültig aus der Abhängigkeit von der europäischen Kultur heraus. Andererseits setzte sich nun hauptsächlich über die Musikindustrie in den USA, mit Ska und Reggae aus Jamaika sowie Salsa aus Mittelamerika und der Karibik, Musik lateinamerikanischen Ursprungs mit großem Einfluss auch in den internationalen Entwicklungsprozessen der populären Musik durch — ein allerdings zwiespältiger Prozess, bedeutete er doch zugleich eine hemmungslose kommerzielle Ausbeutung der lateinamerikanischen Musikkulturen.
 
Insgesamt ist die Bedeutung der Musik Lateinamerikas für die Entwicklung der populären Musik in Europa und den USA kaum zu überschätzen, auch wenn sie hier oft nur als grausam entstelltes Exotikum kommerziell verwertet oder als formales Beiwerk bekannt geworden ist.

Universal-Lexikon. 2012.

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